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Reisebericht: Bagdad im Aug 2003 zusammengestellt von
Reisebericht nach Bagdad vom 22.8.-29.8.2003.
Mein letzter Besuch in Bagdad im November 2002 lag schon einige Zeit zurück.
Die verschiedensten Interessen auf allen Ebenen führten dazu, dass der Handlungsspielraum der Siegermächte begrenzt war. So wurden die Amerikaner und Engländer zu einer Besatzungsmacht und sollten für Sicherheit und Ordnung sorgen – worauf man jedoch kaum vorbereitet war. Am 13. Juli war ein Regierungsrat (Governing Council) mit 25 Mitgliedern (14 Shiiten, 4 Sunniten, 5 Kurden, 1 Christ und 1 Turkmenin eingerichtet worden, der eine neue Verfassung entwerfen und eine Art Übergangsregierung unter CPA-Aufsicht sein soll.
Statt dass sich die Lage im Irak besserte, wurde sie von Tag zu Tag schlechter. Sabotageakte, Angriffe auf die Besatzungstruppen, Plünderungen und Raub sind an der Tagesordnung. Kurz vor Antritt meiner Reise war die Ölpipeline von Kirkut nach Zeyhan in der Türkei schwer beschädigt worden. Auch die Wasserleitung über den Tigris war einem Attentat zum Opfer gefallen. Fassungslos war die Welt jedoch über den Terroranschlag auf das Hauptquartier der UN im Kanalhotel, bei dem neben dem Leiter de Mello 21 UN-Mitarbeiter getötet wurden. Das Attentat auf die Ali Moschee im Nadschaf, der Grabstätte von Mohameds Schwiegersohn Ali, dem 4. Khalifen und 1. Imam, bei dem neben 82 Shiiten auch Ayatollah Mohamed Bakr El-Hakim ums Leben kam, ereignete sich am Tage meiner Rückkehr nach Dubai am 29.08.03.
In meinem Gepäck hatte ich einige Anfragen von Mandanten, die analysiert haben wollten, wie und welche Geschäfte heute im Irak möglich sind. Der Argwohn bestand, dass die Besatzungsmächte ihre Interessen auch auf wirtschaftlichem Gebiet durchsetzen würden. Was blieb für die anderen übrig, insbesondere Deutschland, das sich wiederholt und eindeutig gegen eine Truppenbeteiligung im Irak ausgesprochen hatte? Die Frage nach Iraks Lage bei Antritt meiner Reise konnte in drei Worten zusammengefasst werden: „Quo Vadis Irak?“
Wie immer hatte ich in Dubai einiges für Bagdad eingekauft: Medikamente, Süßigkeiten und diesmal auch etwas Klarlack für den Gartentisch in unserem Bagdad Büro. Die Flughafenkontrolle in Dubai war jedoch gegenüber früheren Zeiten penibler geworden. Meinen Lack war eine Gefahr für das Flugzeug. Ich musste ihn zurücklassen und kam so ohne ihn tatsächlich wohlbehalten in Amman an.
Mein Reisebegleiter war diesmal Mr. Muneef Othmann, ein emiratischer Wirtschaftsberater und ehemaliger Investment Manager von ADIA in Abu Dhabi.
Später am Abend erhielt ich dann noch einen Anruf von einem Geschäftsführer der Taxifirma, die uns am nächsten Morgen nach Bagdad bringen sollte. Er schlug dringend vor, dass wir nicht erst um 6 Uhr sondern bereits um 5 Uhr aufbrechen sollten, damit wir an der Grenze zum Irak mit anderen zu einem Konvoy zusammengefasst werden konnten, um dann sicher nach Bagdad zu fahren. Der Rat war sicherlich gut gemeint und ich beschloss, ihm zu folgen. Der Taxifahrer am nächsten Tag sah das alles jedoch ganz anders.
Die Nacht war kurz und als ich am nächsten Morgen kurz vor 5 Uhr herunterkam, war der Taxifahrer bereits da. Kurz nach 5 Uhr brachen wir auf. 1001 km nach Osten. Wir fuhren der Sonne entgegen und sahen so einen schönen Sonnenaufgang. Der Taxifahrer sprach nur gebrochenes Englisch. Muneef konnte sich jedoch fließend in Arabisch mit ihm unterhalten und ihn so über viele Dinge ausfragen, die wir jetzt im Irak erforschen wollten. Der Taxifahrer war recht beschlagen und konnte uns gute Antworten geben. Von einem Konvoy ab der irakischen Grenze hielt er jedoch nichts. Er meinte, wenn wir einen Konvoy von 10 Fahrzeugen seien und eines würde beschossen und liegen bleiben, würden die anderen neun ohnehin weiterfahren. Andererseits habe die Sicherheit im letzten Monat zugenommen. Nur in der Gegend von Ramadi und Falluja, etwa 60 km vor Bagdad sei es auf der Autobahn noch gefährlich. Er schlug deshalb vor, dass wir dort die Autobahn für etwa 20 bis 25 km verlassen sollten, was dann auch geschah.
Der Dollarkurs zum irakischen Dinar hatte einige Schwankungen hinter sich. Als ich das letzte Mal Anfang November 2002 in Bagdad war, betrug der Wechselkurs 1$ = 2000 ID. In der Zeit nach dem amerikanischen Krieg stieg er stark an und erreichte einen Kurs von 1$ = 1400 ID und hatte sich dann in der letzten Zeit dann auf 1850 irakische Dinar pro US$ eingependelt.
Jedem, der diese Route aus vorherigen Reisen kannte, fiel eines sofort auf: Die Öltanklastzüge, die insbesondere auf jordanischer Seite stets ein Verkehrshindernis gewesen waren, waren verschwunden. Mit dem Ende des Saddam-Regimes war auch das irakische Geschenk an Jordanien von täglich 85000 Barrel Öl vorbei. Der Taxifahrer berichtete, dass Jordanien jetzt Öl aus Kuwait und Saudi Arabien bezieht und das Jordanien auch dafür einen Betrag bezahlt, der weit unter dem Weltmarktpreis liegt.
Der Taxifahrer berichtete, dass auch ein anderes Geschenk des Irak dem Vernehmen nach rückgängig gemacht werden soll. Irak hatte Jordanien einen etwa 40 km breiten Wüstenstreifen an seiner Westgrenze überlassen. Den Gerüchten nach soll dieses Geschenk mit der Öffnung des Landes für irakische Waffennachschübe während des Iran-Irak-Krieges zusammenhängen. Andere sagen, dies sei eine Abfindung Jordaniens für alte Ansprüche des jordanischen Könighauses auf irakische Gebiete aus der Zeit, als Irak selbst noch einen König hatte. Vielleicht ist an beiden was dran.
Wie gewohnt machten wir eine kurze Rast in der vorletzten Stadt auf jordanischer Seite. Unser Frühstück bestand aus einem arabischen Sandwich (in Fett gebratenes Hackfleisch mit Tahina-Sauce und Gemüse, eingewickelt in arabischem Fladenbrot). Dazu gab es den obligatorischen Tee mit viel zu viel Zucker.
50 km vor der Grenze fuhren wir an einem Flüchtlingslager vorbei, das von etwa 500 Personen aus 50 Familien belegt wurde. Irakische Palästinenser und im Irak lebende iranische Kurden fühlten sich im Irak nicht mehr sicher und wussten nicht wohin. Das Camp wurde von der UN-Organisation „World Food Programm“ (WFP) betreut. Neben der irakischen Grenze, aber noch auf irakischem Gebiet sahen wir später ein weiteres, erheblich größeres Flüchtlingslager, das ebenfalls von der WFP betreut wurde.
Das Passieren der Grenze ging ruck-zuck, sowohl auf jordanischer, aber erst recht auf irakischer Seite. Die VIP-Lounge, die früher allen, die eine besondere Einladung hatten, den Grenzdurchgang etwas erleichtert hatte, war geschlossen. Die obligatorische Aids-Impfung war aufgehoben. Das Passieren der Grenze war sogar ohne Visum möglich. „Die Passkontrolle“ und das Abstempeln unserer beiden Pässe dauerte insgesamt 45 Sekunden. Die Gepäckkontrolle dauerte nicht länger. Obwohl der Reiseverkehr mit dem aus früheren Zeiten vergleichbar war, kam mir die Station verlassen vor. Insgesamt sah ich vielleicht 5-10 Leute in Zivil irgendwo rumstehen. Amerikaner oder gar amerikanisches Militär war nirgends zu sehen. Die eingeführte Ware konnte, ohne Zoll zu entrichten, praktisch unkontrolliert die Grenze passieren. Die sehr oberflächliche Inaugenscheinnahme der eingeführten Güter war de facto keine Kontrolle. „Weltoffener“ gings’ nicht! Ob das wohl gut ist?
Durch den Wegfall des Zolls waren alle Waren erheblich billiger geworden. Unser Taxifahrer rechnete dieses Beispiel an einem 79er Mercedes vor: Der Anschaffungspreis einschliesslich Transportkosten belief sich auf US$ 1500 und der im Irak für US $ 1800 verkauft werden konnte. Früher betrug der Preis für diesen Wagen das doppelte, weil die Einfuhrsteuer bereits über 100% lag. Das Beispiel des gebrauchten Wagens war nicht aus der Luft gegriffen. Auf unserem Weg nach Bagdad sahen wir viele Lastzüge mit Gebrauchtwagen, viele aus Deutschland, viele jedoch auch aus anderen Ländern. Zahlreiche Fahrzeuge fuhren auch selbst, wobei es in Jordanien offenbar niemanden störte, dass diese Fahrzeuge von Aqaba bis Trebil ohne irgendein Kennzeichen fuhren. In Bagdad sah ich dann viele Fahrzeuge ohne Nummernschilder. Es gab niemanden, der die Fahrzeuge registrierte. An zwei Wagen sahen wir deutsche Nummernschilder, aus Siegen und Lübeck.
Neben der irakischen Abfertigungshalle an der Grenze, sahen wir einen großen Haufen von Kupferbarren liegen. Der Taxifahrer berichtete, dass diese beschlagnahmt worden seien, als man sie heimlich nach Jordanien schmuggeln wollte. Die Herkunft des Kupfers wurde uns auf unserer Weiterfahrt klar: Früher hatte es auf der gesamten Länge der Autobahn von Bagdad bis Trebil eine elektrische Stromleitung gegeben. Nach dem amerikanischen Krieg hatten wohl einige Strauchdiebe diese Leitung für überflüssig gehalten und hatten auf der gesamten Länge mit entsprechenden Gewehren die Masten geknickt und die Kupferleitungen eingesammelt. Die gleichen oder ähnliche Leute hatten den Maschendrahtzaun auf der gesamten Länge der Autobahn auf beiden Seiten für überflüssig gehalten, der als Kamelschutz diente. Der Zaun war säuberlich abgebaut worden und wurde auf den einschlägigen Märkten im Irak feilgeboten. Auf der Autobahn von Bagdad nach Basra soll der Maschendraht für den Kamelschutz geklaut worden sein.
Wie stets wurde gleich hinter der Grenze getankt. Der Benzinpreis betrug hier 110 ID/pro Liter, d.h. für einen Euro bekam man also etwa 16 Liter, ein Traum für jeden Deutschen. Für irakische Verhältnisse war dieser Preis extrem hoch. Der offizielle Preis betrug lediglich 20 Dinar, d.h. man bekam für einen Euro ganze 80 Liter. In Bagdad war das Benzin jedoch rar geworden. Man musste auf den Tankstellen oft zwei Stunden und länger Schlange stehen, um tanken zu können. Durch die Aufhebung der irakischen Staatsgewalt waren jedoch die Kontrollen entfallen und die Tankstellenbesitzer verlangten das Doppelte und Dreifache des offiziellen Preises.
Neben den Gebrauchtwagen sahen wir auf der Straße u. a. Lkws mit Trinkwasser (Safi), Baustabstahl und andere, die geschlossen waren. Der Taxifahrer sagte, es würde de facto alles eingeführt, da es ja keinen Zoll gebe. Muneef zählte die uns entgegen kommenden Fahrzeuge und kam in einer Stunde auf 50 voll beladene Lkws. Das war nicht viel. Später erfuhren wir, dass die meiste Ware aus Dubai kam oder über die Türkei eingeführt wurde. Wie wir später in Bagdad feststellten, wanderten die Waren nicht mehr in irgendwelche Lager der sozialistischen Regierung, sondern wurden direkt bei den Läden wie z.B. in denen der großen Geschäftsstraße vor unserem Büro, der Arrassat Al Hindia, entladen und wurden dort auf dem Bürgersteig gestapelt.
Unterwegs stießen wir auf eine Brücke, die während des US-Krieges zerstört worden war. Wir mussten zur anderen Seite über einen notdürftigen Hilfsweg aus Schottereisen. Der Taxifahrer meinte, dass die Brücke nur aus Versehen zerstört worden war und der Beschuss wohl einem Bus galt, den wir zerstört und ausgebrannt wenige Kilometer weiter am Straßenrand stehen sahen. Alle Insassen sollen den Tod gefunden haben, wobei die Version geht, dass es sich entweder um syrische Studenten oder um Fedaheen Krieger gehandelt haben soll, die Saddam zu Hilfe kommen wollten.
In Ramadi verließen wir, wie vom Taxifahrer angekündigt, die Autobahn und fuhren durch Ramadi und Falluja entlang dem Euphrat. Insbesondere die Gegend um Falluja war sehr grün und viele große Dattelhaine säumten unseren Weg. Der Euphrat war bis an den Rand mit Wasser gefüllt. Hier sahen wir auch die ersten amerikanischen Panzer. Bei Convoys fuhr stets ein Panzerspähwagen voraus und einer hinterher. Auf beiden standen schussbereite Schützen. Zwischen den beiden Wagen befand sich denn das, was geschützt werden sollte, sei es eine wichtige Person oder irgendwelche militärischen Geräte.
Bald nachdem wir wieder zur Autobahn zurückgekehrt waren, erreichten wir Bagdad. Das Stromkraftwerk am Tigris in Bagdad arbeitete nur mit halber Kapazität. Zwei Schornsteine qualmten, was das Zeug hergab, die anderen beiden zeigten absolut keine Rauchfähnchen.
Den Tigris überquerten wir auf einer Brücke, die ich bis dahin nie gesehen hatte und die vermutlich auch wohl gesperrt gewesen war. Sie hatte auf der einen Seite hohe Eisenplatten, mit denen die Sicht von der Brücke auf einen der Paläste von Saddam verhindert wurde. Die Abschirmung der obersten Regimemitglieder vor den Blicken der irakischen Bevölkerung war mit dem US amerikanischen Krieg vorbei. Die Hindernisse wurden zum Teil weggerissen. Zum großen Teil wurden die reichen Häuser geplündert oder von Leuten besetzt, die meinten, von dem Regime so schwer geschädigt zu sein, dass sie einen Anspruch auf Schadensersatz hatten, den sie im Wege der Selbsthilfe durchsetzten. Einige der Fürstenhäuser der obersten Chargen wurde auch von neuen politischen Parteien besetzt, die bis dahin keiner kannte. Die CPA (Coalition Provisional Authority) regiert von Saddam Husseins größten Palast von aus.
Vom amerikanischen Beschuss war in der Stadt wenig zu sehen. Offensichtlich hatte man sich doch auf wesentliche, strategisch wichtige Punkte konzentriert, wie z.B. der Saddam Tower, wo das Telekommunikationszentrum eingerichtet worden war sowie einige sich in unmittelbarer Nähe befindenden Messehallen der Bagdad International Fair. Nach Bekundungen vieler Gesprächspartner während unserer Tage in Bagdad wurde immer die Ansicht vertreten, dass die ungehinderten Plünderungen, Brandschatzungen und Diebstähle einen weit größeren Schaden angerichtet hätten als der Krieg selbst.
Kurz vor Ankunft bei unserem Büro sahen wir auf der Arrassat Al Hindia dann auch die Container, die uns bereits auf der Autobahn begegnet waren, wie sie dort abgeladen worden und die Güter direkt auf den Bürgersteig gestapelt worden. Das Bild vermittelte den Eindruck, als ob in Bagdad eine Goldgräbermanie ausgebrochen wäre. Doch der Schein trügt. Auch wenn zahlreiche Iraker vielleicht ihre verborgenen Gelder hervorholten, so besteht kein Zweifel, dass der Großteil der Bevölkerung sehr arm ist. Die elektrische Versorgung war mehr als erbärmlich. Zwei Stunden Strom und vier bis sechs Stunden Stromausfall in einem unregelmäßigen Rhythmus legte bei einer Temperatur am Tag von 45°C alles lahm.
Bagdad hatte sich gegen den Einmarsch der Amerikaner de facto nicht gewehrt und hatte gehofft, dass mit der Beseitigung des Saddam Regimes die schwierigen Zeiten vorbei seien und man in eine gute Zukunft blicken könne. Das Embargo war vorbei, von einer guten Zukunft war jedoch noch nichts zu sehen. Bagdad ist jedoch das Leiden gewohnt und wartet geduldig auf die Dinge, die da kommen. Nur eine kleine Schicht hatte durch Plündern und Raub etwas in Gange gesetzt, was man vielleicht nur schwer wieder zum Stillstand bringen kann.
In unserem Büro hatten wir einige neue Leute. Einer von Ihnen war unter dem Saddam Regime fast 8 Jahre ein politischer Gefangener gewesen. Bis 1993 war er ein junger technischer Offizier in den unteren Rängen. Bei einer verdeckten Überprüfung durch den Geheimdienst Mukhabarat war er 1993 gefragt worden, ob er dafür sei, dass man Saddam aus seinem Amt entferne. Er antwortete hierauf, dass das kein guter Gedanke sei. Er wurde gleichwohl eingesperrt, da sein Protest nicht energisch genug ausgefallen war. 11 Monate saß er ohne Außenkontakt in einer rotgemalten Einzelzelle. Danach kam er in eine Zelle von ca. 2x3 Meter mit sechs Betten und 36 Gefangenen. Einmal pro Woche durfte er Besuch empfangen, der weitgehend auch die Ernährung übernahm. Ende 2002, als die Amerikaner sich auf einen Angriff vorbereiteten, wurde er mit über 5000 anderen politischen Gefangenen „begnadigt“.
Aus meinen zahlreichen Gesprächen konnte ich entnehmen, dass man sich bemühte, zu einem normalen Leben zurückzufinden. Die alte Symphoniehalle, in der ich im vorigen Jahr noch ein Konzert organisiert hatte, war völlig zerstört. Für ein neues Babylon Festival war die Zeit noch nicht reif. Meine Leute beim Kulturministerium waren jedoch noch großen Teils im Amt und an neue Initiativen für einen Kulturaustausch mit Deutschland sehr offen.
Auch die Förderung hilfsbedürftiger Einrichtungen im Irak wurde erörtert und verschiedene Wege angedacht. Alle Hilfsorganisationen sind vor Ort. Die Hilfsbedürftigkeit jedoch so groß, dass man hier nur selektiv vorgehen kann.
Eine Veränderung war allgegenwärtig: Saddams Statuten und Bilder waren aus dem Stadtbild verschwunden. Auf den Banknoten geistert er jedoch (noch) durchs Land.
Mein nächster Bagdad Besuch war zur Zeit der nächsten internationalen Messe Anfang Oktober geplant. Ich hörte jedoch, dass die Messe um einen Monat auf den 1.-7.12.2003 verschoben worden war. Dann erhielt ich den Hinweis, dass die Messe evtl. erst im April 2004 stattfinden soll. Man wird sehen.
Neben dem zurzeit blühenden Handel könnte für ausländische Unternehmen die Privatisierung zahlreicher Staatsbetriebe ein interessantes Projekt sein. Überrascht wurde ich etwas durch die allgemeine Einstellung, dass – abgesehen vom Ölsektor – auch nicht-amerikanische Gesellschaften durchaus Chancen haben könnten, soweit sie konkurrenzfähige Vorschläge unterbreiten können. Meine wiederholte Frage, inwieweit die CPA ihre amerikanisch-orientierten Interessen durchsetzen würde, wurde oft dahingehend beantwortet, dass man dieses von irakischer Seite nicht zulassen würde. Es bestand jedoch offensichtlich auch häufig bereits der Eindruck, dass die Amerikaner – abgesehen von Ausnahmen – sich nicht gegen internationale Konkurrenz ausgrenzen würden. Im Ölsektor mag dieses anders sein.
Wegen der mangelhaften Energievorsorgung und der großen Hitze im August in Bagdad schlief ich nachts auf dem Dach unter freiem Himmel. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass dies nicht eine Notlösung sondern ein wunderschönes Erlebnis war. Von abends 11 bis morgens 4-5 war Sperrstunde und deswegen absolute Ruhe. Die Temperaturen waren angenehm. Jede Nacht wurde die Ruhe jedoch von Feuergefechten im näheren Umkreis unterbrochen. Ein Feuergefecht gab es zwei Straßen weiter, wobei ein Hauseigentümer als Geisel genommen wurde.
Über einige Umwege wurde mir angeboten, statt mit einem Taxi diesmal mit einem Flugzeug nach Amman zurückzukehren. Dies war eine willkommene Alternative. Der Flug mit einer DASH 8 kostete US$ 350,-. Die Sicherheitsvorkehrungen waren extrem. Einen Tag vorher musste ich meinen Pass abgeben. In unmittelbarer Flughafennähe durften die Autos nur einzeln die Strecken passieren. Die Flugabfertigung erfolgte ausschließlich durch amerikanische Soldaten. Der Flug war jedoch wunderschön und ich sah jetzt das, was ich oft – sehr begrenzt – vom Fenster meines Taxis aus gesehen hatte. Eine Weile verfolgten wir den Euphrat mit seinen großen Windungen und Palmenhainen. Dann erreichten wir die Wüste, in der die Autobahn und auch die Straße deutlich zu erkennen waren, auf der immer die Tanklastzüge gefahren waren.
In Amman landeten wir nicht auf dem internationalen Flughafen sondern auf dem jordanischen Militärflughafen. Auch hier waren die Kontrollen streng und es dauerte lange, bis man das Gepäck der wenigen Passagiere durchsucht hatte.
Das Fazit meiner Reise: Das Saddam Regime war beseitigt worden und hatte eine Lücke hinterlassen, die noch nicht richtig gefüllt war. Das Außerkraftsetzen des Zollsystems hatte den Handel kräftig gefördert. Wie lange? Die Privatisierung der staatlichen Betriebe mit Hilfe internationaler Gesellschaften war ein weiterer Hoffnungsschimmer am Horizont. Ein hoher ausländischer Diplomat sagte mir hierzu, dass der Irak wirtschaftlich problemlos ohne ausländische finanzielle Hilfe schnell wieder auf die Füße kommen würde ohne politischen Einfluss auf wirtschaftliche Kreise würde die irakische Wirtschaft schnell wieder ihre internationalen Partner finden und sich regenerieren können. Der von den internationalen Organisationen ausgerechnete Betrag von über 500 Milliarden US$ für den Aufbau des Iraks sei eher ein Mühlenstein um den Hals Iraks als eine tatsächliche Hilfe.
Politisch, wirtschaftlich und religiös ziehen heute viele unterschiedliche Gruppen mit unterschiedlichen Interessen an vielen mehr oder weniger starken Strängen.
Das Fazit in der Nussschale: Quo Vadis Irak?
Dubai, den 3. September 2003
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