Reisebericht:
Bagdad im März 2002

 

zusammengestellt von
Rolf Meyer-Reumann
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Meine Reise nach Bagdad vom 22. bis 29. März 2002 war von zwei Dingen gekennzeichnet: US-Präsident Bush hatte Irak neben Nordkorea und Iran als „die Achse des Bösen“ bezeichnet und angekündigt, das Übel zu bekämpfen. Auf internationaler Ebene ist diese Entscheidung umstritten. Die Bundesregierung in Deutschland hat erklärt, daß sie sich an einem Angriff auf
den Irak nicht beteiligen würden. Die Frage bleibt aber aktuell, wann und wie US-Präsident Bush seine Ankündigung in Taten umsetzt, und ist auch im Irak vieldiskutiertes Thema.

Zum anderen hatte ich mit dem irakischen Wirtschaftsprüfer Farqad Salman im November 2001 vereinbart, ein Konzert von Rolf-Dieter Lesch (Bass), begleitet von Norbert Ruppert am Klavier mit deutschen Liedern aus dem 18. und 19. Jahrhundert von Brahms, Beethoven, Schumann, Schubert, Mozart, Gellert u.a. zu organisieren. Dieses Konzert sollte am 25. März 2002 in der Rasheed-Halle von Bagdad stattfinden. 

So trat ich am Freitag, dem 22. März 2002 morgens um 08.05 Uhr mit Royal Jordanien meine Reise nach Amman an, wo Herr Rolf-Dieter Lesch, Herr Norbert Ruppert und dessen Tochter Johanna bereits auf mich warteten. Alle drei waren von der Idee eines Konzertes in Bagdad von Beginn an begeistert gewesen und warteten nun voller Spannung auf das, was vor ihnen lag.
Zunächst war dieses eine Reise von 1001 km von Amman nach Bagdad mit einem Taxi.

Mit von der Partie war Herr Franz Reichwein von der Bundesagentur für Außenwirtschaft in Dubai, der seinen Wissensstand bzgl. Irak vor Ort auffrischen wollte. Herr Reichwein ist ein alter Jordanien-Kenner und zeigte uns das Quasr Hamra und das Quasr Al Asraq, beides historische Monumente, die auf dem Wege lagen. Im Quasr Al Asraq hatte Lawrence von Arabien mit seinen Leuten gelagert, bevor er Damaskus angriff. 

Auf jordanischer Seite erschwerte – wie üblich – die Karawane der Öltanklaster das Überholen. Auf der irakischen Grenzstation begrüßte mich der Direktor für die VIP-Lounge, Mr. Mohammed, bereits mit Handschlag. Er verrichtet hier bereits seit ca. 3 Jahren unverändert seinen Dienst, stets im gleichen Turnus: Vierzehn Tage hintereinander 24 Stunden Dienst am Tag. Schlafen kann er zwischendurch, wenn der Grenzverkehr ruhig ist. Nach 14 Tagen hat er eine Woche frei.

Auf der irakischen Seite fällt mir auf, daß die Zahl der beladenen LKWs auf der Autobahn (hier sind die Öllasttanker auf eine Nebenstraße verbannt) erheblich zugenommen hat. Unter anderem fällt mir auf, daß in größeren Mengen Peugeot-Pkws und Betonpumpanlagen eingeführt wurden. Später fiel mir dann auch in Bagdad auf, daß an etlichen Stellen vermehrt moderne Maschinen
für Straßenausbesserungen benutzt wurden. Sowohl der Zustand der Straßen als auch der Pkws hatte sich in den letzten Jahren doch erheblich verbessert, obwohl es auch heute noch viele Pkws gibt, die sich in einem erbärmlichen Zustand befinden und definitiv auf den Schrottplatz und nicht auf die Straße gehören. 

Der Samstag, der 23.3., verging bei mir mit Büroarbeiten. Herr Lesch und Herr Ruppert inspizierten den vorgesehenen Ort für das Konzert, probten dann etwas und unternahmen am Nachmittag mit Herrn Nofel, unserem Übersetzer, eine Stadtrundfahrt. Der ursprünglich vorgesehene Konzertsaal mit etwa 100 Plätzen war getauscht worden mit der Rasheed-Halle, dem großen Opernsaal mit ca. 650 Plätzen. Ich hatte das Gefühl, daß Mr. Farqad und seine Partner im irakischen Kulturministerium das Interesse am Konzert doch etwas überschätzt haben könnten.

Abends lernte ich die Mitarbeiter aus dem Kulturministerium bei einem kleinen Empfang im engen Kreise bei Mr. Farouq, dem Opernhausdirektor, kennen. Farouqs Haus war vollgestopft mit vielen modernen Bildern und anderen Kunstgegenständen. Herr Lesch und Herr Ruppert gaben eine kurze Probe ihres Könnens, die allgemein begeistert aufgenommen wurde. Mitglieder aus dem
Kulturministerium gaben Klaviereinlagen und Farouq spielte auf der Uhud, einem traditionellen arabischen Saiteninstrument.Farouq war auch ein Zauberer im Zubereiten von Masgouf-Fisch. Rundherum war es ein hervorragender Abend. 

Der 24. März entspricht dem 10. Muharram des islamischen Kalenders und ist der Tag, an dem der Kalif Hussein getötet worden war. Dieser Tag ist einer der höchsten Feiertage der Schiiten und deswegen im Irak, wo sich in Kerbela sein Grab befindet, ein offizieller Feiertag. Wir nutzten diesen Tag zu einem Ausflug in den Norden Iraks, besichtigten Al Hattra, Mosul und Nimrod und kehrten erst lange nach Einbruch der Dunkelheit nach Bagdad zurück.

Am 25. März bereiteten Herr Lesch und Herr Ruppert sich weiterhin auf das am Abend stattfindende Konzert vor. Ich vertiefte meine Kooperation mit Mr. Farqad und besuchte auch Herrn von Holz, den Vertreter der deutschen Botschaft. Dr. Ellner, der deutsche Geschäftsträger, befand sich z. Zt. auf Urlaub. 

Das Konzert wurde zu einem Erfolg, an den ich im Traum nicht geglaubt hatte. In den Gängen mußten noch Stühle aufgestellt werden, damit alle Zuhörer Platz fanden. Ein ausverkauftes Haus! Unglaublich! Erstaunt war ich auch, daß die deutschen Lieder aus dem 18. und 19. Jahrhundert mit viel Sachverstand aufgenommen wurden. Dies wurde verständlicher als ich erfuhr, daß das gesamte Symphonieorchester von Bagdad, eine Ballettschule und eine
Musikhochschule eingeladen waren. 

Daneben war das diplomatische Corps stark vertreten. U.a. waren der Leiter der UN Humanitarian Commission, der französische Botschafter und der deutsche Konsul zugegen. Trotz der vielen geladenen Gäste hatten noch über 200 Personen sich eine Theaterkarte gekauft. Ein anschließender Empfang im Yadriya-Reitclub ließ erkennen, mit welcher Begeisterung das Konzert aufgenommen worden war. 

Zu meinem großen Erstaunen erfuhr ich, daß am folgenden Tage ein Ensemble des Theaters an der Ruhr aus Mülheim Antigone in deutscher Sprache präsentierte und noch drei weitere Theaterstücke – darunter eines von Bert Brecht - an den folgenden Tagen vortrug, die ebenfalls ein voller Erfolg wurden. Die Darbietung von zwei deutschen Kulturstücken war Zufall. Dies hatte es während des gesamten Embargos zuvor nicht gegeben. 

Der 26. März verging mit Interviews der Künstler, während ich wieder meiner Arbeit nachging. Mit Farqad beschloß ich, Veröffentlichungen über irakisches Recht und Steuerfragen in einer gemeinsamen Reihe herauszubringen und mit dem irakischen Markenrecht und den Regeln einer geordneten Buchführung nach irakischem Recht zu beginnen. Am Abend gab es bei mir im Garten
noch einen kleinen Empfang für die Künstler. 

Am 27. März gaben Herr Lesch und Herr Ruppert eine weitere Vorstellung bei Herrn Farqad zuhause vor geladenen Gästen. Auch dieses wurde zu einem vollen Erfolg. 

Am folgenden Tage wurden wir dann noch vom irakischen Kulturminister, H.E. Hamid Humadi, empfangen. Der Minister hob die Bedeutung des Konzertes unter den gegebenen schwierigen Umständen hervor, in denen sich der Irak z.Zt. befindet. Der Kulturaustausch sei noch ein Mittel, die gegenseitigen Beziehungen auch dann noch zu pflegen, auch wenn die wirtschaftlichen Beziehungen durch das Embargo empfindlich beeinträchtigt seien. 

In diesem Zusammenhang ging der Minister auch auf das jährlich stattfindende babylonische Festival ein, das dieses Jahr am 25. September beginnen wird. Kulturell sind diese Festspiele das größte Ereignis des Jahres im Irak und eine internationale Begegnung von Jung und Alt, die öffentlich stark gefördert wird. Die historische Bedeutung Babylons gibt den Festspielen ein starkes Flair. Ein Amphitheater für drei bis vier Tausend Zuschauer verspricht eine große
Kulisse. Der Minister regte an, daß Deutschland auch dort den einen oder anderen Beitrag leisten könnte, und vielleicht sogar einen vollen Tag allein gestalten könnte. Mr. Farqad und ich nahmen diesen Gedanken auf und überlegen z.Zt., wie man diese sicherlich tolle Idee in Taten umsetzen kann. Die Kulturbeiträge sind sorgfältig auszuwählen. Daneben müssen Sponsoren
gefunden werden, da irakische öffentliche Mittel nur begrenzt zur Verfügung stehen. Eine Gesellschaft für die Gesamtkoordinierung ist vorhanden (InterGest UAE und InterGest Iraq). Die Koordination mit Farqad und dem irakischen Kulturministerium dürfte in diesem Zusammenhang die kleinste Hürde sein. Eine spezielle Web-Seite im Internet könnte vielleicht sehr hilfreich sein. Für Anregungen aus dem Verteilerkreis dieses Reiseberichtes ist der Verfasser verbunden. 

Am Nachmittag unternahmen Herr Lesch und Herr Ruppert noch einen Ausflug nach Babylon und Kerbela und schlossen damit eine ereignisreiche und erfolgreiche Woche ab. Am Freitag ging es dann wieder per Taxi zurück nach Amman, wo sich unsere Wege wieder trennten. Kurz nach Mitternacht landete ich wieder in Dubai. 

Dubai, den 7. April 2002
Rolf Meyer-Reumann
Meyer-Reumann Legal Consultancy, Dubai / Abu Dhabi
 

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