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Bagdad-Reisebericht (29.10.1999 bis 5.11.1999)
zusammengestellt von
Inhalt:
Nach Jahren, in denen sich die Situation des Iraks unter dem Zeichen des Embargos nicht wesentlich verändert hatte, gab es zu Beginn der Reise Anzeichen, daß sich dieses Mal einiges verändern könnte, was mittelfristig zu bedeutsamen Veränderungen führen könnte. Ein Hoffnungsschimmer oder eine weitere Fata Morgana? Zum ersten Mal seit der Kuwaitinvasion im Jahre 1990 sollte die internationale Bagdad Messe 1999 wieder von einer offiziellen deutschen Handelsdelegation besucht werden. Das interessanteste Mitglied der Delegation war Dr. Claude-Robert Ellner von der Nordafrika-Mittelost Initiative der deutschen Wirtschaft, der nach dieser Delegationsreise vom BDI ins Auswärtige Amt zurückkehren und über Jordanien die Eröffnung der deutschen Botschaft in Irak vorbereiten und sie dann als erster deutsche Botschafter nach der Kuwait Invasion übernehmen soll. Die große Frage zu Beginn der Reise war: Wie sind diese Veränderungen zu werten? Welche politischen Überlegungen stehen dahinter? Was bedeutet dies für die deutsch-irakischen Beziehungen im allgemeinen? Was bedeutet es für die deutsche Industrie insbesondere? Ich versprach mir von der Reise einiges. Die AnreiseMeine Reise war – wie immer – gründlich vorbereitet. Das Visum für Irak traf pünktlich am Abend vor der Abreise ein, das Flugticket nach Amman noch etwas später. Der Reisepaß mit dem Visum für Dubai mußte noch auf dem Weg zum Flughafen aus dem Büro geholt werden. Dafür konnte ich als letzter einchecken und erreichte pünktlich mein Flugzeug, einen Airbus A 320-200 der Royal Jordanian Airlines. In Amman erwartete mich Ibrahim, der mir immer die Taxis nach Baghdad organisiert. Wegen des Andrangs zur Bagdad Messe mußte er mir dieses Mal ein Taxi von der Konkurrenz besorgen, was “leider” zur Folge hatte, daß sich der Preis für das Taxi fast verdoppelt hatte (US$ 350,00). An der jordanisch-irakischen Grenze war in der Tat ein deutlich verstärkter Besucherstrom bemerkbar. Mein Fahrer Khaled schaffte es jedoch, daß die Formalitäten an der Grenze schnell erledigt wurden und ich erreichte Bagdad um 21.30 Uhr. Die WirtschaftsdelegationDie Wirtschaftsdelegation war zusammengestellt worden von der Nordafrika-Mittelost Initiative der Deutschen Wirtschaft. Die Leitung übernahmen:
Als Teilnehmer nahmen an der Handelsdelegation
teil:
Angesichts der Bedeutung der Delegationsreise hatte ich auch Vertreter des BFAI und des Deutschen Industrie- und Handelstages erwartet, die aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen jedoch abgesagt hatten bzw. abwesend waren. Prof. Dr. Sommerfeld, der Präsident der deutsch-irakischen Gesellschaft, befand sich im pausenlosen Einsatz und scheute keine Anstrengungen, Dr. Ellner den Einstieg in seine neuen Aufgaben durch die Vermittlung hochrangiger Kontakte so leicht wie möglich zu machen. Innerhalb von nur wenigen Tagen wurde die Delegation oder eine Abordnung davon von zahlreichen irakischen Ministern oder deren Vertreter empfangen, darunter das Finanzministerium, Außenministerium, Handelsministerium, Industrieministerium, Gesundheitsministerium, der stellvertretende Ministerpräsident Tarek Aziz, der Ölminister und der Präsidentenberater Ramadan. Die kurzfristig anberaumten Empfänge waren ein deutliches Zeichen, daß man der Anwesenheit von Dr. Ellner und der deutschen Delegation eine weit höhere Bedeutung beimaß als die eines routinemäßigen Besuches. Bei den Empfängen der einzelnen Minister wurde stets ein gewisses Unverständnis zum Ausdruck gebracht, daß Deutschland als der stärkste Industriepartner vor der Irak-Embargo sich so stark während all der Jahre während des Embargos zurückgehalten habe. Der von der Delegation angekündigte Neubeginn einer verstärkten Präsenz wurde als spät angesehen, jedoch nicht als zu spät. Die Schuld, daß das Embargo bis heute noch nicht insgesamt aufgehoben wurde, und auch das Oil-for-Food-Deal nur verzögert umgesetzt wird, machte die irakische Seite stets vor allem die Amerikaner verantwortlich. Der Industrieminister ging darüberhinaus auch auf einige konkrete kommerziellen Fragen ein. Dem Industrieministerium nachgeordnet sind zahlreiche staatliche und halbstaatliche Firmen. Das Ministerium selbst ist im wesentlichen nur beratend gegenüber diesen Gesellschaften, aber auch für andere Ministerien tätig, wie u.a. beim Brückenbau, Ölraffinerien und Straßenverkehr. Die Entscheidungsebene für den Abschluß von Verträgen jeder Art liege jedoch nicht beim Ministerium, sondern bei den nachgeordneten Gesellschaften. Das Ministerium selbst wird nur neben der Beratung als Genehmigungsbehörde tätig. Der Minister umriß auch den Bereich, in dem im Irak zur Zeit ein reger Bedarf besteht. Hierzu gehört der Zement- und Baubereich sowie die chemische, petrochemische, pharmazeutische, Lebensmittel-, Maschinenbau-, und metallverarbeitende Industrie. An deutschen Partnern schätzte der Industrieminister insbesondere deren Vertragstreue, Produktqualität und den persönlichen Respekt gegenüber dem Vertragspartner. Der Minister wies darauf hin, daß u.a. Spanien, Italien, Frankreich und Belgien aus dem Bereich der Europäischen Union gemischte Wirtschaftskommissionen mit dem Irak gebildet hätten. Er wünschte sich, daß auch mit Deutschland bald eine solche Kommission eingerichtet werden würde, in der bi-laterale wirtschaftliche Interesse unmittelbar besprochen werden könnten. Der Gesundheitsminister wies darauf hin, daß jede Verspätung bei der Bearbeitung durch die UN-Kommission für die Genehmigung von Lieferverträgen im Rahmen des Oil-for-Food-Abkommens auf irakischer Seite Todesopfer nach sich ziehen würde, obwohl das irakische Geld auf dem UN-Konto deponiert sei und es keinen echten Grund für die Verspätung gäbe. Das Geld liege auf dem UN-Treuhandelkonto und warte darauf, eingesetzt zu werden. Der Empfang unter dem Motto “Iraq at a Starting Point?”Die Baghdad Messe, die Beteiligung der deutschen Delegation und die Bemühungen um die Wiedereröffnung der deutschen Botschaft in Baghdad waren Grund genug zum Feiern. Der Abend des 1.11.1999 war noch weitgehend frei von anderen Terminen, sodaß die deutsche Delegation eine Einladung der deutsch-irakischen Gesellschaft im Garten von Meyer-Reumann Legal Consultancy annahm. Dr. Darwish’s Küche “Al Jazirah” sorgte für ein köstliches Essen, bei dem die irakischen Trüffel und der Mascouf die Höhepunkte waren. Das Erscheinen war so zahlreich, daß die Kapazität des kleinen Gartens und des Büros voll ausgelastet war. Die Stimmung war bis spät in die Nacht hinein sehr lebhaft. Der Umstand, daß die Delegation zwischendurch noch kurzfristig vom irakischen Ölminister Gen. Amir Rashid empfangen wurde, tat der Stimmung keinen Abbruch. Neben der Delegation mit Dr. Ellner, Dr. von Horn, Herrn Gauff, Herrn Wieck, nahezu allen Delegationsteilnehmern und der gesamten Leitung der deutsch-irakischen Gesellschaft mit Prof. Dr. Sommerfeld, Dr. Riad Dabbagh und Dr. Darwish waren vor allen Vertretern der irakischen Wirtschaft und Professoren der Universitäten in Bagdad erschienen. Die Frage “Iraq at a Starting Point?” war jedenfalls aus der Sicht der deutschen Delegationsteilnehmer das Thema des Tages. In der Grundtendenz sahen alle Teilnehmer einer positiven Entwicklung hoffnungsvoll entgegen. Am folgenden Abend gab Dr. Ellner einen Empfang im Jagdclub von Mansour, an dem auch öffentliche Vertreter aus Baghdad verstärkt teilnahmen. Die Präsenz der deutschen Wirtschaft hatte sich herumgesprochen. Die Bagdad MesseDie deutsche Delegation war auf der Bagdad Messe durch einen Informationsstand der NMI vertreten. Trotz der zahlreichen Hindernisse und unter dem Zeichen des Embargos war es der Münchner Messegesellschaft IMAG gelungen, einen repräsentativen Stand herzurichten, in dem die Delegationsteilnehmer mit ihren Geschäftspartnern aktuelle Informationen austauschen konnten. Darüberhinaus war die deutsche Wirtschaft durch einige Firmenstände vertreten (KSB, Siemens, Kolb, Burgmann, Schönig, Babcock, Helm AG, Klöckner & Möller, Danzas, MAN/Terramar, Liebherr, Tasco GmbH Import/Export, Cobisa Handels GmbH, Mena Tracon GmbH, MG International Transport GmbH, Bomag ) In einem Presseinterview erhielt ich Gelegenheit, die neuesten Entwicklungen und die daran geknüpften Hoffnungen kurz zu skizzieren. Wie in den Jahren zuvor ist auch diesmal die Messebeteilung wieder stark gestiegen. Insgesamt sollen nach amtlichen Angaben 900 Firmen an der Messe teilgenommen haben. Zahlreiche ausländische Firmen waren jedoch nur auf Gemeinschaftsständen vertreten. 35 Länder waren offiziell vertreten. Hierunter befanden sich u.a. die V.A.E., Spanien, Italien, Österreich, Iran, Pakistan, Frankreich, Schweden, Rußland, die Schweiz und Jugoslawien. Nicht offiziell vertreten waren neben Deutschland (die offizielle Delegation war kein offizieller Messeteilnehmer) auch Großbritannien und die U.S.A.. (Eine Übersetzung der Liste der Messeteilnehmer liegt vor und kann auch Anfrage zur Verfügung gestellt werden.). Die Präsenz von Meyer-Reumann Legal
Consultancy in Bagdad
Mit Rechtsanwalt Younes wurde eine langfristige Kooperation vereinbart. Der junge Anwalt stammt aus einer angesehenen Rechtsanwaltsfamilie aus Bagdad. Er wird noch in diesem Jahr in die Büros von Meyer-Reumann Legal Consultancy in Dubai und Abu Dhabi ausgebildet werden, um dann nach Bagdad zurückzukehren und dort unter seinem Namen, aber in enger Verbindung mit Meyer-Reumann Legal Consultancy, ein Rechtsanwaltsbüro für die Mandanten von Meyer-Reumann Legal Consultancy aufzubauen. Parallel dazu erwartet Shereen in Kürze ihre Lizenz für die Vertretung ausländischer Gesellschaften. Als eine ihrer Tätigkeiten soll sie die Aufgaben aus einem Franchise Agreement von Herrn Meyer-Reumann durch den Aufbau und die Vertretung von InterGest Iraq realisieren, die, wie ihre Schwesterfirma in Dubai, auslagerungsfähige Aufgaben jeder Art insbesondere für die Mandanten von Meyer-Reumann Legal Consultancy übernehmen soll. Die Präsenz von Meyer-Reumann Legal Consultancy in Bagdad hat damit eine neue Qualität erreicht. Das NebenprogrammObwohl die Tage wie im Fluge dahingingen, konnte ich es doch so arrangieren, daß ich noch an zwei Abenden Mascouf am Tigris an der Abu Nawaz Road und im Norden von Baghdad genießen konnte. “Zwangsweise” konnte ich auch einen schönen Ausflug nach Samarra genießen. Mr. Abdulla, eine irakischer Wechselstubenbesitzer, der uns einige Wochen zuvor in Dubai besucht und dort einige geschäftliche Termine wahrgenommen hatte, wollte sich unbedingt revangieren. Seinen Vorschlag zu einem Ausflug in die Gegend nahm ich gerne auf. Der Ausflug nach Samarra wurde zu einem schönen Erlebnis und Herr Nofel spielte den perfekten Übersetzer, sodaß ich mit Abdulla, der unter anderem ein guter Kurdenkenner war, viele Gedanken austauschen konnte. Samarra liegt im Norden von Baghdad auf der Strecke nach Mosul, Kurdistan und in die Türkei. Die Straße war stark belebt durch Fahrzeuge, die Öl und Waren in oder über die Türkei ein- und ausführten. Auf halber Strecke passierten wir eine Stelle, die berühmt ist für herrliche Wochenendausflüge mit schönen Restaurants im Grünen. Hin und wieder kam der Tigris in Sichtweite. Samarra war im 9. Jahrhundert für 56 Jahren anstelle von Bagdad die Residenzstadt der abbassidischen Khalife. Heute ist Samarra die zweitwichtigste Stadt nach Tikrit im Bezirk Salahuddin. Berühmtestes Bauwerk von Samarra ist das 50m hohe Spiralminarett (Malwiya-Minarett) in unmittelbarer Nähe der Großen Moschee, deren 10m hohen und 2,5 m dicken Mauern mit einer Abmessung von 240 x 160 m und 44 Türmen einmal die größte Moschee der Welt war. Die Zeit war kurz. Gleichwohl versäumten wir es nicht, auch noch einen kurzen Blick auf die Askari-Moschee zu werfen mit ihrer goldenen Kuppel und dem goldenen Minarett, in der die Imane Ali Al Hadi und sein Sohn Hassan Al Askari unter der goldenen Kuppel begraben wurden. Die Rückfahrt von Bagdad nach Dubai verlief routinemäßig. An der irakisch-jordanischen Grenze war Hochbetrieb wegen der Bagdad Messe. Trotzdem ging die Abfertigung zügig. Mit einer 1 ½-stündigen Verspätung traf ich nachts um halb drei wieder in Dubai ein. Eine erlebnisreiche Reise war zu Ende. Hatte ein neues Kapitel der deutsch-irakischen Beziehungen begonnen? Dubai, den 08.11.1999
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